Performance
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Virginia Woolf beschreibt es als eine der größten Herausforderungen ihres Schreibens, dem viktorianischen Frauenbild des Angel of the House entgegenzutreten. Wie ihre Freundin Vita Sackville-West sucht sie den Weg aus der bürgerlichen Enge heraus; ihr erster Roman trägt den Titel The Voyage out. Beide Frauen ziehen aus den Häusern der Familie aus und legen schließlich einen Garten an; in Vitas Fall ist das Erbrecht schuld daran, dass sie den Landsitz der Familie, den sie so sehr liebte, nicht übernehmen kann. Sie schafft sich einen eigenen Landsitz, Sissinghurst Castle, der sich heute in öffentlichem Besitz befindet – und nicht, wie sie es wünschte, in ihrer Familie weitervererbt wurde. Ist es eine Frage des Erbrechts, in wessen Tradition wir uns einschreiben?
Virginia Woolf schreibt, um Raum zum Denken und Schreiben zu haben, müsse eine Frau überhaupt erst ein eigenes Zimmer haben. In ihrem Essay A room of one’s own erzählt sie die Geschichte von Shakespeares Schwester und sitzt dabei an ihrem Schreibtisch neben einem Regal voller Bücher von Aphra Behn, Jane Austen und den Brontës. Alice Munro schloss daran an und hielt fest: »dieses Zimmer muss außerhalb des eigenen Hauses sein«. Muss die Frau also aus dem Haus treten, um ihre eigenen Wege zu gehen? Was bedeutet es dann aber, kein Haus zu haben, keine Heimat, keinen Ort?
Im Buch Ruth aus der hebräischen Bibel sind die Wege der Frauen nicht geradlinig, sondern schleifenförmig; jeder Frau wird ihr eigener Weg zugeschrieben. Dabei sind Noomi, Ruth und Orpa fast die ganze Zeit ohne Haus. Wie weit waren die Wege dieser Frauen vorgezeichnet? Wie viel Freiraum ließen ihnen ihre Zeit und Umstände bei ihren Entscheidungen? Das Erbe der Schwiegermutter antreten konnte Ruth nicht, erst Boas löste sie und schrieb sich damit ein in die Genealogie eines anderen, denn sein Kind trug den Namen des verstorbenen ersten Ehemannes. Von Orpa erzählt uns die Bibel nur, dass sie sich umwandte, dass sie Ruth und Noomi den Rücken kehrte. Was, wenn wir uns einmal ihr zuwenden und ihrer möglichen Geschichte?
Wen lösen wir, wenn wir das Erbe dieser Frauen annehmen?
Konzept: Andrea Geißler, Tobias Hagedorn, Antonia Hilsberg, Alrun Hofert, Verena Katz, Monja Lalotra
Dramaturgie: Andrea Geißler, Verena Katz
Komposition / Musik: Tobias Hagedorn
Performance: Alrun Hofert
Musik: Hannah-Hanbiel Choi
Zeichnungen und Video: Monja Lalotra
Sprecherinnen: Alrun Hofert, Anne Kapsner
Produktionsleitung: Antonia Hilsberg
Bühnenbau: Marlen Katz
Ton: Tobias Hagedorn
Licht: Meike Weigel, Tim Schuster
Layout: Milena Wichert